Reportage- und Streetfotografie

Christian Sturm

Zug der Liebe

Liebe, Zug, Berlin - da war doch mal was?

Mit vielen Beats-per-minute, noch mehr Watt und noch viel mehr Menschen war die Love Parade eine Ikone der 90er Jahre. Damals saß ich als Spätpubertierender auf dem heimischen Sofa und habe mir die Verrückten in Berlin angeschaut - halb fasziniert, halb irritiert. Knapp zwei Jahrzehnte später hat sich einiges geändert: ich wohne mittlerweile in Berlin, die Pubertät ist glücklicherweise auch überstanden und ich bin an einem schönen Sommersamstag 2016 selbst mittendrin unter den "Verrückten" und diese tummeln sich nicht auf der Love Parade, sondern auf dem "Zug der Liebe". Die Veranstalter - ein buntes Bündnis gemeinnütziger Vereine wie die Berliner Obdachlosenhilfe, das Schwulenzentrum SCHWUZ oder "Berlin Nazifrei" - haben den Zug der Liebe als politische Demonstration angemeldet. Wie es sich für eine ordentliche deutsche Demonstration gehört, führte die Polizei den Zug an.

Der Zug der Liebe grenzt sich aktiv von der ehemaligen Love Parade ab. Statt mehreren Hunderttausend Besuchern sind es "nur" Zehntausend, Kommerz in Form von Fressbuden und Bierpilzen sucht man vergeblich und viele Teilnehmer tragen selbst gemalte Transparente - die einen mehr...

...die anderen weniger sinnvoll.

Die Stimmung war auf jeden Fall herausragend. Alle gut gelaunt,

beschwingt (was vielleicht am duftenden Nebel hier und da gelegen haben mag),

und regelmäßig in Ekstase.

Dieser Samstag war für mich aber nicht nur wegen des Zugs der Liebe ein Besonderer. Ich habe zum ersten Mal fremde Menschen angesprochen und gefragt, ob ich ein Foto von ihnen machen darf. Und siehe da, keiner hat verneint - ganz im Gegenteil! Mein erstes Portrait habe ich von diesem freundlichen jungen Mann gemacht, der Aufkleber von "Berlina für Techno" verteilt hat.

Kurz darauf hatte ich die bemerkenswerteste Begegnung dieses Nachmittags. Ganzkörpertätowiert, weißer Bart, mit einer Ausstrahlung irgendwo zwischen Weihnachtsmann, Festival-Junkie und Guru. Passend zu letzterem hat er sich mir auf Nachfrage als Gandalf vorgestellt.

Gandalf war allerdings im Trubel außerordentlich gut aufgehoben, denn Mama Berlin hatte ihre buntesten Kinder auf die Straße geschickt.

Berlin zeigte sich von seiner besten Seite. Laut, bunt, frei, berauscht, verrückt - aber alle vereint in einer Botschaft:

Nach 25 Festivalwagen war die Karawane vorbeigezogen. Übrig blieben der Wunsch, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein, die Erkenntnis, dass Fotos von Menschen machen verdammt viel Spaß bringt, sowie etliche Bierflaschen und Konfetti.

Letzteres währte aber nicht lange. :)